„Brexit“: Beweis gegen direkte und/oder radikale Demokratie?

England dient jetzt wunderbar dazu, direkt- und radikaldemokratische Entscheidungen zu diskreditieren. Wer das macht sollte aber ehrlich sein:
1. „Radikale“ Demokratie bedarf Korrekturmöglichkeiten, z.B. Volksentscheide über erneute Abstimmungen. England zeigt, dass Mehrheiten getäuscht werden können. Mit einer Korrekturmöglichkeit hätte man am Tag danach, als die Anführer ihre Lügen zugegeben haben, sofort einen Volksentscheid ansetzen können, ob erneut abgestimmt oder das Parlament beauftragt wird eine (andere?) Entscheidung zu treffen.
2. „Radikale“ Demokratie spielt keine Mehrheiten aus oder lässt eine „Tyrannei der Mehrheit“ zu! 50%-Hürden können auf kommunaler Ebene reichen. Auf nationaler Ebene, und vor allem bei solchen weitreichenden Entscheidungen, sind 60% ein muss, bei ca. min. 60% Beteiligung. Wir sehen gerade wie 50%-Hürden ein Land spalten, lahmlegen, und durch die knappe Mehrheit die Frage aufwerfen, wie gefährlich die Umsetzung ist. Bei 60%-Hürden können gerne 10% feststellen das sie gar nicht wussten worum es geht.
3. Jede Form des Volksentscheids muss verfassungsmäßig verankert sein, und zwar in Zeiten, wo der Grund oder das Thema nicht bekannt ist! Alleine um Vertrauen, Sicherheit und Stabilität zu schaffen. England zeigt, dass Cameron eine einfache schnelle Entscheidung über die EU wollte. Es wurde also gar nicht vorher entschieden, ob das Volk oder sogar nur das Parlament überhaupt eine 50% für sinnvoll halten. In einer parlamentarischen Beratung wäre die Gefahr einer Spaltung garantiert diskutiert worden!

Also: Wir leben nicht in einer Demokratie gemäß den ursprünglicher Ideen von 1798 oder 1848. So ist die Frage einer sozialen und wirtschaftlichen Demokratisierung ungelöst.
UND England war keine direktdemokratische Entscheidung, sondern eine willkürliche Abstimmung ohne Kopf (s.oben).
Votumkratie, Vetokratie sind bessere Bezeichnungen für England und sogar für die westlichen Industriestaaten. Eine Korrektur von Wahlen eines nachträglich bekanntem Lügners oder inkompetenten Abgeordneten ist nicht möglich.
Weniger Demokratie ist heute nicht gegen ein aufgeklärtes Volk (langfristig) möglich. Experimente in der Arbeits- und Organisationspsychologie zeigen und empfehlen, dass mit zunehmender Information, Bildung und Kompetenz selbstständiges, nicht von oben dirigiertes Arbeiten und Entscheiden möglich und besser ist (sehr vereinfacht gesagt). Der Konzernvorstand mit fast ausschließlich akademisch gebildeten Mitgliedern kann sehr wohl weitreichende Entscheidungen treffen, neue Azubis ohne Kenntniss des Betriebs müssen abgeleitet werden. Das heißt: Je größer die Informationsmöglichkeiten, Transparenz und Bildung, v.a. Staatsbürgerliche Bildung, desto weniger ist autoritäres regieren möglich und nötig. Beispiel: Mit Internet und Facebook stürzten hauptsächlich Studenten im Nahen Osten Diktaturen. Danach aber, siehe Ägypten, wählten alle mit, also hauptsächlich nicht Internetaffine schlecht gebildete Ältere. Sie schufen gewollt und unbewusst wieder ein (weniger) autoritäres System. Das heißt nebenbei auch, das mehr Demokratie auch mehr (staatsbürgerliche) Bildung als Vor-Grundlage braucht.
Jede Form weniger Demokratie führt zwangsläufig zu einer Diktatur, denn unter anderem wird das „Weniger“ zum Selbstläufer. Vertraut heute eine deutliche Mehrheit der Menschen ihren Vertretern, damit diese mehr Entscheidungen annehmen können?
Es gibt also nur zwei Möglichkeiten, die idealerweise eine sind: Bessere, reformierte Demokratie und mehr Demokratie.

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